Reform der Strafprozessordnung: Fachlicher Austausch in Berlin

Reform der Strafprozessordnung Vietnams: Fachlicher Austausch in Berlin
Reform der Strafprozessordnung Vietnams: Fachlicher Austausch in Berlin
Vietnam

Wie lässt sich das Strafverfahren effizienter gestalten, ohne die Beteiligtenrechte zu beschneiden? Welche Vor- und Nachteile hat eine Verständigung? Und welche Probleme und Herausforderungen bringt die Digitalisierung des Strafverfahrens mit sich? Darüber informierte sich vom 12. bis 14. Oktober 2026 in Berlin eine hochrangige Delegation der Obersten Volksstaatsanwaltschaft Vietnams unter der Leitung des stellvertretenden Generalstaatsanwalts.

Anlass für den Austausch

Die Oberste Volksstaatsanwaltschaft Vietnams steht vor der Aufgabe, eine umfassende Neufassung der vietnamesischen Strafprozessordnung vorzubereiten. Gemeinsam mit deutschen Expertinnen und Experten wollten sie internationale Erfahrungen in die Reform einbeziehen und geeignete Ansätze für das vietnamesische Strafverfahrensrecht identifizieren.

Einblicke in die rechtlichen und praktischen Rahmenbedingungen der grenzüberschreitenden strafrechtlichen Zusammenarbeit gab zunächst unserer Hauptgeschäftsführers Dr. Christian Johnson. Doch es folgte ein umfangreiches Programm mit vielen Akteurinnen und Akteuren!

Digitalisierung und effiziente Strafverfahren

Wie die Digitalisierung der Strafjustiz in Deutschland vorangeht und welche Herausforderungen sie mit sich bringt, erfuhren die Teilnehmenden bei Gesprächen im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz sowie bei der Berliner Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz. Dort stellte Dr. Tobias Kaehne, Leiter des Projekts zur Einführung der elektronischen Akte an den Berliner Strafgerichten ihre praktische Umsetzung in Berliner Strafprozessen vor.

Weitere Beiträge widmeten sich dem staatsanwaltschaftlichen Entscheidungsspielraum bei der Strafverfolgung und der Verständigung im Strafverfahren. Philipp Meyhöfer von der Staatsanwaltschaft Berlin und Friederike Bartl, Richterin am Amtsgericht Tiergarten, beleuchteten die rechtlichen Voraussetzungen und die praktische Anwendung dieser Instrumente. Dabei standen auch die Grenzen entsprechender Verfahren und die Sicherung rechtsstaatlicher Standards im Fokus.  Die Perspektive der Strafverteidigung brachte Andreas Wattenberg, Fachanwalt für Strafrecht, in den Austausch ein.

Bekämpfung krimineller Strukturen durch Vermögensabschöpfung

Doch auch die Rückgewinnung von Vermögenswerten aus Straftaten bildete einen wichtigen Schwerpunkt. Dr. Holger Mann, Richter am Kammergericht Berlin, führte in die Materie der Vermögensabschöpfung – auch ohne vorhergehende Verurteilung – ein. In weiteren Gesprächen mit Dr. Felix Lüth und Beate Bärnklau von der Staatsanwaltschaft Berlin wurde diese Thematik noch einmal mit Fokus auf die staatsanwaltschaftliche Praxis vertieft.

Impulse für die Reform in Vietnam

Die Studienreise ermöglichte der vietnamesischen Delegation einen unmittelbaren Einblick in die Arbeit deutscher Gerichte, der Staatsanwaltschaft und Anwaltschaft. Zugleich bot sie Raum, Erfahrungen auszutauschen und die Chancen wie auch die Grenzen einzelner strafprozessualer Instrumente und ihre Anwendbarkeit in Vietnam zu diskutieren. Über die Fortsetzung der Beratungen werden wir uns mit unseren vietnamesischen Partnerinnen und Partnern selbstverständlich austauschen.

Oberster Volksgerichtshof von Vietnam zu Gast bei deutschen Gerichten

Mitte: Nguyen Van Tien, Vizepräsident des Obersten Volksgerichtshofs von Vietnam, links daneben: Dr. Stefan Hülshörster, Geschäftsführer der IRZ und Prof. Dr. Dr. h.c. (NLU Charkiw) Lars Brocker, Präsident des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz und des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz
Mitte: Nguyen Van Tien, Vizepräsident des Obersten Volksgerichtshofs von Vietnam, links daneben: Dr. Stefan Hülshörster, Geschäftsführer der IRZ und Prof. Dr. Dr. h.c. (NLU Charkiw) Lars Brocker, Präsident des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz und des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz
Vietnam

Eine siebenköpfige Delegation von Richterinnen und Richtern sowie weiteren Fachleuten des Obersten Volksgerichtshofs und nachgeordneter Gerichte Vietnams besuchte Anfang August Gerichte in Koblenz und Frankfurt am Main. Anlass waren aktuelle Reformüberlegungen in Vietnam, wo derzeit unter anderem über eine Reformierung des Rechtsmittelsystems beraten wird – insbesondere darüber, wie Rechtsmittel und Instanzen sinnvoll und effizient ausgestaltet werden können. Die von Vizepräsident Nguyen Van Tien geleitete Delegation nutzte den Blick auf das deutsche System, um unterschiedliche Modelle kennenzulernen und ihre praktische Umsetzung mit deutschen Richterinnen und Richtern zu diskutieren.

Der von der IRZ durchgeführte fachliche Austausch begann am Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz in Koblenz mit einem Einblick in die deutsche Verwaltungsgerichtsbarkeit. Auf dem Programm standen unter anderem der Aufbau und die Funktion der Verwaltungsgerichte, Rechtsmittel und prozessuale Filter sowie die Vollstreckung verwaltungsgerichtlicher Entscheidungen. Auch Fragen zu Prozesskosten und Prozesskostenhilfe wurden diskutiert.

Am Oberlandesgericht Koblenz richtete sich der Blick anschließend auf die Zivilgerichtsbarkeit. Neben der Struktur und Hierarchie der deutschen Zivilgerichte standen insbesondere die Aufgaben und Arbeitsweise der Rechtsmittelinstanzen im Mittelpunkt.

Dabei blieb es nicht bei theoretischen Einblicken: Die Delegation hatte mehrfach Gelegenheit, mündliche Verhandlungen unmittelbar mitzuerleben und mit den deutschen Richterinnen und Richtern über Verfahrensabläufe und Entscheidungsfindungen ins Gespräch zu kommen.

Den Abschluss bildete der Besuch des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main. Dort ging es unter anderem um die Rechtsmittel im Strafverfahren – insbesondere Revision und Wiederaufnahme – sowie um das Beweisrecht im Zivilverfahren.

Die Studienreise verband damit den konkreten Einblick in die deutsche Gerichtspraxis mit einem rechtsvergleichenden Austausch zu Fragen, die für die laufenden Reformüberlegungen in Vietnam von besonderer Bedeutung sind. Der Dialog über unterschiedliche Modelle des Instanzenzugs und der Rechtsmittel sowie über deren praktische Anwendung bot wertvolle Impulse für die weitere Diskussion in Vietnam.

Dank der gezielten Vorbereitung der Delegationsmitglieder einerseits und der exzellenten Aufbereitung der Gesprächspartnerinnen und -partner im OVG und in den OLG andererseits kam es zu einem Austausch auf hohem fachlichem Niveau, in dem verschiedene prozessuale Regelungsmechanismen vertieft behandelt werden konnten.
Zum Abschluss betonte Vizepräsident Nguyen Van Tien die konstruktive Arbeitsatmosphäre und brachte seine Wertschätzung für die speziellen Kompetenzen der deutschen Richterinnen und Richter zum Ausdruck.

Eine Woche Jugendstrafrecht in Ho-Chi-Minh-Stadt

Erschöpfte, aber zufriedene Gesichter nach dem Mock Trial in Ho-Chi-Minh-Stadt
Erschöpfte, aber zufriedene Gesichter nach dem Mock Trial in Ho-Chi-Minh-Stadt
Vietnam

Vietnam hat 2024 ein neues Jugendstrafrecht verabschiedet und geht damit einen bedeutenden Schritt in Richtung einer moderneren und jugendgerechteren Strafrechtspflege. Die Entstehung des Gesetzes, das Anfang 2026 in Kraft treten wird, ist langjährig von der IRZ fachlich begleitet worden.

Ähnlich wie im deutschen Strafrecht steht nun der Erziehungsgedanke im Fokus. Ziel ist es, durch Elemente wie die Einbindung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern oder Nutzung ambulanter Maßnahmen wie Freizeitarbeiten oder Kompetenztrainings, auf die Entwicklung der jungen Menschen positiv einzuwirken.

Um die vietnamesische Justiz auf die Anwendung des neuen Rechts in der Praxis vorzubereiten, hat die IRZ daher im August gleich mehrere Maßnahmen mit verschiedenen Partnern in Ho-Chi-Minh-Stadt zum Thema durchgeführt. Ein besonderes Highlight war hier ein sog. Mock Trial mit der vietnamesischen Justizakademie, also eine simulierte Gerichtsverhandlung auf Basis eines Übungsfalls. Hier konnten die künftigen Rechtsanwenderinnen und Rechtsanwender in verschiedenen Rollen die Anwendung des Rechts in der Praxis erproben und wurden so für die spezifischen Aspekte des Jugendstrafrechts sensibilisiert. Auch unsere deutschen Experten zeigten anhand des Übungsfalls einen möglichen Ablauf nach deutschem Recht, was im Anschluss eine tiefgehende Analyse und fruchtbaren Austausch zu Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Besonderheiten im Jugendstrafrecht von Vietnam und Deutschland führte.

Zudem wurde mit dem Obersten Volksgerichtshof eine erfolgreiche Fortbildung zur Anwendung und Durchsetzung des Jugendstrafrechts in der Praxis, an der ca. 40 Richterinnen und Richter aus verschiedenen Regionen Vietnams teilnahmen, durchgeführt. Auf besonderes Interesse stieß hier unser Schulungsfilm „Raub einer Weste“ zum Jugendstrafrecht, der ebenfalls im Rahmen einer Gastvorlesung an der Universität von Saigon sowie bei vorherigen Fortbildungen zum Einsatz kam und sogar in der Vietnamesischen Nationalversammlung gezeigt wurde.